Gemeinsam Lebensmittel retten - Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette zeigen Wirkung
Lebensmittelverschwendung ist zu einem der drängendsten Nachhaltigkeitsthemen geworden. Millionen Tonnen essbarer Produkte landen jedes Jahr im Müll – ein ökologisches, ökonomisches und moralisches Problem. Immer deutlicher zeigt sich: Wirkliche Fortschritte entstehen dort, wo Handel, Produzenten und soziale Partner nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten. Genau hier setzt der freiwillige Pakt gegen Lebensmittelverschwendung an, an dem sich unter anderem auch EDEKA Nord beteiligt.
Für den genossenschaftlich organisierten Verbund ist das Thema fest verankert. Moderne Warenwirtschaftssysteme, effiziente Logistik und die Erfahrung der selbstständigen Kaufleute bilden die Grundlage dafür, Abfälle schon im Markt zu vermeiden. Produkte, die optisch nicht mehr perfekt, aber qualitativ gut sind, fließen in vielen Märkten in frisch zubereitete Convenience-Angebote ein. Artikel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums werden deutlich vergünstigt angeboten. Gleichzeitig unterstützt EDEKA seit Jahren die bundesweit rund 900 Tafeln und weitere soziale Einrichtungen mit regelmäßigen Lebensmittelspenden. Die Ziele sind ambitioniert: Bis 2025 soll die Lebensmittelverschwendung um 30 Prozent reduziert werden, bis 2030 sogar um 50 Prozent.
Wie stark der Pakt wirkt, zeigen die ersten Auswertungen. Manuela Kuntscher vom Thünen-Institut ist für den Pakt gegen Lebensmittelverschwendung verantwortlich. Sie spricht von einem wichtigen Zwischenerfolg: „Die rückwirkende Auswertung des Berichtsjahres 2024 zeigt, dass wir bereits 25 Prozent weniger Lebensmittelabfälle verzeichnen.“ Für sie ist klar, worauf es ankommt: „Nur wenn Handel, Produzenten und soziale Partner eng zusammenarbeiten, können wir Maßnahmen nachhaltig etablieren.“ Gleichzeitig betont sie, dass der Weg noch lang ist: „Überschüsse sollen gar nicht erst entstehen. Da sich diese nicht gänzlich vermeiden lassen, ist die Weitergabe der nächste wichtige Schritt. Dafür brauchen wir kluge Systeme, verlässliche Kooperationen und weniger rechtliche Hürden bei der Weitergabe. Lebensmittel sind zu wertvoll, um im Abfall zu landen.“
Wie diese Zusammenarbeit im Alltag aussehen kann, zeigen die EDEKA Jens Märkte. Geschäftsführer Swen Rathjens beschreibt ein System, das sich über Jahre eingespielt hat und heute reibungslos funktioniert. Seit Langem arbeiten die Märkte mit den örtlichen Tafeln zusammen, die regelmäßig Lebensmittel abholen, die kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen, aber noch einwandfrei sind. Zusätzlich nutzt EDEKA Jens die Plattform Too Good To Go: Überschüssige, aber völlig gute Lebensmittel – auch z.B. Blumen – werden dort in Tüten angeboten, die KundInnen online bezahlen und dann im Markt abholen können. Die Abläufe sind so gut integriert, dass kein zusätzlicher Aufwand entsteht. Ergänzend packt das Team Rettertüten mit Brot, Obst und Gemüse, die im Markt gut sichtbar platziert und zum halben Preis verkauft werden. Rathjens beschreibt den Effekt so: „Durch diese Maßnahmen können wir Lebensmittelverschwendung reduzieren und gleichzeitig etwas Gutes tun.“ Trotzdem bleibt ein Spannungsfeld bestehen: KundInnen erwarten auch am Abend volle Regale, während der Handel wirtschaftlich sinnvoll möglichst wenig wegwerfen möchte. Diesen Spagat gilt es täglich zu meistern.
Während EDEKA im Rahmen des Pakts agiert, zeigt Junge Die Bäckerei., dass auch außerhalb formaler Bündnisse wirksame Lösungen entstehen können. Das Unternehmen hat ein eigenes, sehr konsequentes System zur Lebensmittelrettung aufgebaut. BrotRetter Überraschungstüten, preisreduzierte Mix-Tüten mit frischen Backwaren vom Vortag, gehören in rund 95 Prozent der Filialen zum Alltag, ebenso regelmäßige Spenden an zehn regionale Tafeln. Des Weiteren wird Altbrot zu neuen Teigen verarbeitet, als Tierfutter genutzt oder energetisch in Biogasanlagen verwertet. Richard Stiller, Nachhaltigkeitsmanager bei Junge Die Bäckerei., beschreibt die moralische Diskrepanz, die viele Betriebe kennen: „Beim Wording Lebensmittelverschwendung kann man nur dagegen sein… gleichzeitig möchte niemand das letzte Stück Torte kaufen.“ Junge setzt deshalb auf pragmatische, klar kommunizierte Prozesse, die Kundschaft und Mitarbeitende gleichermaßen mitnehmen und zeigen, wie regionale Verwurzelung und konsequente Abläufe Lebensmittelverluste deutlich reduzieren können.
Aus diesen praktischen Erfahrungen heraus ergibt sich ein natürlicher Übergang zu einem Ort, an dem solche und ähnliche Themen systematisch weitergedacht werden: dem foodRegio‑Arbeitskreis Nachhaltigkeit. Hier treffen sich regelmäßig VertreterInnen aus Produktion, Handel und Handwerk, um gemeinsam an Lösungen für zentrale Nachhaltigkeitsfragen der Ernährungswirtschaft zu arbeiten. Der Arbeitskreis dient als Plattform, auf der Herausforderungen offen diskutiert, Best‑Practice‑Beispiele ausgetauscht und neue Ansätze entwickelt werden. Eines der Themen, das dort bereits angedacht wurde, ist die Reststoffverwertung. Die Frage, wie unvermeidbare Lebensmittelreste möglichst hochwertig genutzt werden können, spielt in vielen Betrieben eine Rolle – und genau hier setzt der Arbeitskreis an.
Im Rahmen dieser Diskussionen entstand die Idee, Reststoffe verschiedener Unternehmen zu bündeln, um regionale Kreisläufe effizienter zu gestalten. Junge Die Bäckerei. testete in diesem Zusammenhang bereits, inwieweit die Abgabe von Altbrot ins Lübecker Biogaswerk möglich ist. Stiller sieht darin Chancen für die gesamte Branche, insbesondere wenn mehrere Betriebe ihre Stoffströme koordinieren und so stabile, regionale Verwertungsketten entstehen.
Am Ende verfolgen Paktteilnehmer wie EDEKA und unabhängige Betriebe wie Junge Die Bäckerei. dasselbe Ziel: Lebensmittel sollen nicht im Abfall landen. Je enger die Zusammenarbeit – ob im Rahmen eines Bündnisses oder durch regionale Netzwerke – desto mehr lässt sich retten. Die bisherigen Erfolge zeigen, dass der Weg stimmt.
