Warum Ernährungsmythen heute gefährlicher sind als je zuvor
Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich ist Experte für Ernährungstherapie und evidenzbasierte Ernährungsmedizin. Er leitet die Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck und forscht dort zu Fragen an der Schnittstelle von Ernährung, Stoffwechsel und Gesundheit. Als Keynote-Speaker auf dem 20. Trendtag von foodRegio am 03. Juni 2026 in den media docks in Lübeck spricht er über das Thema: „Ernährungsmythen in den sozialen Medien: von Märchen bis Marketing“. Martin Smollich möchte informieren, wie sich Falschinformationen rasant verbreiten – und warum gerade seriöse Unternehmen die Chancen von Social Media nutzen sollten. foodRegio hat mit ihm gesprochen
Warum widmen Sie Ihren Vortrag dem Thema Ernährungsmythen?
Ich erlebe durch meine Forschung und die Arbeit mit Patientinnen und Patienten täglich, wie groß die Lücke ist zwischen wissenschaftlicher Evidenz und dem, was in sozialen Medien an Mythen rund um Ernährung verbreitet wird. Viele Menschen kommen mit Ernährungsempfehlungen zu mir, die sie auf TikTok oder Instagram aufgeschnappt haben – und manche davon sind schlicht lebensgefährlich. Da muss ich aufklären.
Gleichzeitig arbeiten wir eng mit der Lebensmittelwirtschaft zusammen. Und ich sehe, wie sehr sie teilweise unter dem unseriösen Marketing einzelner Social-Media-Akteure leiden. Das schreckt seriöse Unternehmen ab, obwohl gerade sie dort unbedingt aktiv präsent sein sollten. Mir ist wichtig zu zeigen: Social Media hat gute und schlechte Seiten. Und die guten sollten verantwortungsvoll genutzt werden.
Von welchen Mythen sprechen Sie konkret?
Da gibt es viele Beispiele: Dass selbst kleinste Mengen Rapsöl gesundheitsschädlich seien. Dass Haferflocken ungesund seien, weil sie angeblich Pestizide enthalten oder den Blutzucker „in die Höhe schießen lassen“. Dass Kuhmilch Krebs auslöst. Dass Gluten grundsätzlich schädlich ist. Oder dass eine Tasse Kaffee am Morgen das ganze Hormonsystem durcheinanderbringt. Auch Süßstoffe werden regelmäßig als krebserregend dargestellt. Diese Liste ließe sich noch sehr lang fortsetzen. Das sind Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind – und die trotzdem enorme Reichweite haben. Deshalb kann man sie auch nicht einfach als „Quatsch“ abtun und ignorieren.
Warum halten sich solche Mythen so hartnäckig?
Falschmeldungen gab es schon immer. Neu ist, dass heute Influencer-Marketing und algorithmische Verstärkung in den Sozialen Medien zusammenkommen. Der Algorithmus verstärkt Inhalte, die emotionalisieren und provozieren. Wenn jemand behauptet, Milch würde bei Kindern Autismus auslösen, dann verbreitet sich das schneller als eine sachliche Erklärung zu Kalzium aus Milchprodukten.
Hinzu kommt der Filterblaseneffekt: Wer einmal auf ein Video klickt, das Milch mit Erkrankungen in Verbindung bringt, bekommt künftig nur noch ähnliche Inhalte angezeigt. Das verstärkt den subjektiven Eindruck, eine wissenschaftlich völlig absurde Behauptung sei großer Konsens. Und: Jeder kann solche Videos produzieren – ohne Qualifikation, Eingangshürde oder Qualitätsnachweis. Wenn ein Influencer Millionen Follower hat, wirkt das kommunikationspsychologisch automatisch glaubwürdig. Das ist ein großes Problem.
Gibt es auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die falsch interpretiert werden?
Ja, das passiert häufig. Ein Beispiel ist Acrylamid in Pommes oder Backwaren. Backwaren könnten tatsächlich Acrylamid enthalten, und Acrylamid fördert in Tierversuchen unter bestimmten Bedingungen die Krebsentstehung. Das ist wissenschaftlich korrekt. Aber daraus wird in Sozialen Medien schnell: „Iss kein Brot mehr, es macht Krebs.“ Dabei wurden die Acrylamidwerte in Lebensmitteln durch technologische Verbesserungen in den letzten Jahren massiv reduziert. Fachlichen Laien fehlt in der Regel völlig das Verständnis von Dosis-Wirkungsbeziehungen. Nur weil eine Substanz nachweisbar ist, bedeutet das nicht, dass davon auch eine Gesundheitsgefahr ausgeht. Das ist die Kehrseite der enormen Fortschritte, die die Lebensmittelanalytik in den letzten 20 Jahren gemacht hat.
Auch die pauschale Negativbewertung hochverarbeiteter Lebensmittel ist in den Sozialen Medien weit verbreitet – dabei ist das dahinterstehende Konzept äußerst zweifelhaft und die gesundheitliche Bewertung von Lebensmitteln allein aufgrund ihres Verarbeitungsgrades wissenschaftlich unhaltbar.
Welche Mythen sind besonders gefährlich?
Gefährlich wird es immer dann, wenn ganze Lebensmittelgruppen verteufelt werden: kein Getreide wegen Phytat, kein Gemüse wegen Pestizidbelastung, keine Nüsse wegen Aflatoxinen, kein Leitungswasser wegen PFAS. Solche radikalen und überrestriktiven Empfehlungen führen sehr oft zu Angst- und Essstörungen und erhöhen das Risiko von Nährstoffdefiziten.
Noch gefährlicher wird es, wenn Ernährung als Ersatz für medizinische Therapien dargestellt wird. Wenn jemand behauptet, Krebs ließe sich durch Brokkoli, rote Beete oder Fasten heilen, ist das lebensgefährlich. Fasten hungert keinen Tumor aus – es führt höchstens zu Mangelernährung.
Was ist die wichtigste Botschaft Ihres Vortrags?
Social Media besitzt enorme Reichweite – und die Menschen holen sich dort heute ihre Gesundheits- und Ernährungstipps. Das kann man gut finden oder nicht, aber es ist Fakt. Deshalb sollten seriöse Unternehmen sich nicht vom Wildwuchs abschrecken lassen. Gleichzeitig sollten sie nicht denken, dass die dort verbreiteten Fehlinformationen einfach ignoriert werden können. Diese Fehlinformationen bleiben nicht in Social Media – sondern sie beeinflussen das Kauf- und Konsumverhalten direkt und nachhaltig. Deshalb sollten Lebensmittelfirmen ihre Präsenz auf Social Media weiter ausbauen und stärken. Das stärkt Marken, schafft Vertrauen und bindet Konsumentinnen und Konsumenten. Und es hilft, die seriösen Stimmen in diesem wichtigen Umfeld sichtbar zu machen.
Vielen Dank an Herrn Prof. Dr. rer. nat. Smollich für dieses spannende Interview und die exclusiven Einblicke vorab - live beim Trendtag am 03. Juni in den media docks.
