„Wir entwickeln Produkte, nicht nur Kampagnen“ – KI als Innovationsmotor bei Red Rabbit
Jochen Matzer, Gründer und Geschäftsführer der Agentur Red Rabbit, hat sich vom Quereinsteiger in der Werbung zum Pionier KI-gestützter Produktstrategien entwickelt. Was einst als klassische Kreativagentur begann, ist heute ein Innovationslabor für die Lebensmittelbranche. Mit eigens entwickelter Software gelingt es Red Rabbit, neue Produkte in Rekordzeit zu konzipieren, zu testen und zur Marktreife zu bringen. Auf der Fachveranstaltung Newtrition X. – Future Food by AI am 11.11.2025 in Lübeck zeigt Jochen Matzer, wie KI nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern auch die Floprate senkt – und welche gesellschaftlichen Folgen diese Transformation mit sich bringt. Im Vorfeld des Branchenevents konnte foodRegio mit ihm sprechen.
foodRegio: Wie hat Ihre berufliche Entwicklung zu Red Rabbit geführt?
Jochen Matzer: Eigentlich wollte ich Architektur in Konstanz studieren. Da das Studium erst im Winter begann, hatte ich ein paar Monate Zeit. Eine Freundin erzählte mir von ihrer Arbeit in einer Werbeagentur – das hat mich neugierig gemacht. Ich habe mich dort beworben, indem ich einige Anzeigen frecher und kreativer gestaltet habe. Das kam gut an, und ich bin als Quereinsteiger gestartet. Später lernte ich Konstantin Jacoby von Springer & Jacoby kennen, der mir anbot, bei ihm in der Agentur zu arbeiten. So konnte ich in Hamburg studieren und gleichzeitig Berufserfahrung sammeln – das war mein Einstieg in die Branche. Einige Jahre später gründete ich Red Rabbit und führte die Agentur zunächst als klassische Werbeagentur. Wir betreuten viele Kunden aus der Food-Industrie, darunter Fritz-Kola, Krombacher und Norwegischer Fisch.
foodRegio: Wofür steht Red Rabbit heute?
Jochen Matzer: Ursprünglich begann ich mit Red Rabbit als klassische Werbeagentur. Der rote Hase symbolisiert unseren Anspruch: agil, neugierig, immer auf der Suche nach Neuland. Doch mit der Zeit wurde mir klar: Werbung und Kommunikation sind wichtig – aber für unsere Kunden ist die Entwicklung neuer Produkte oft noch entscheidender. Deshalb haben wir unser Geschäftsmodell sukzessive verändert: weg von reiner Kommunikation, hin zur Neu-Produktentwicklung – und das in Rekordzeit. Statt 1,5 Jahre dauert der Innovationsprozess bei uns nur etwa drei Monate. Das gelingt, weil wir alle relevanten Disziplinen – von Strategie über Design bis zur Rezeptur – unter einem Dach vereinen.
foodRegio: Wie nutzen Sie Künstliche Intelligenz in diesem Prozess?
Jochen Matzer: Vor rund 1,5 Jahren haben wir begonnen, unseren Innovationsprozess vollständig auf KI zu übertragen. Dafür haben wir eine eigene Software entwickelt, die mit acht verschiedenen Large-Language-Modellen arbeitet – jedes mit spezifischen Stärken, etwa in der Bilderkennung oder Kreativität. Unsere Software zieht Informationen aus verschiedenen Quellen, kombiniert sie intelligent und steuert die Modelle so, dass am Ende konkrete Produktideen entstehen.
foodRegio: Können Sie ein aktuelles Projekt nennen, das diesen Prozess veranschaulicht?
Jochen Matzer: Ein gutes Beispiel ist unser Projekt mit der Rügenwalder Mühle, das wir auf der OMR vorgestellt haben. Das Briefing lautete: „Entwickle einen Grill-Snack, der bestimmte Anforderungen erfüllt und eine breite Zielgruppe anspricht.“ In die Software werden Zielgruppenvorgaben und z.B. Verpackungsformate eingegeben. Die KI greift auf unsere Trend- und Insight-Datenbank zu – mit Milliarden Datenpunkten aus Social Media, internationalen Supermärkten und Studien. Darauf basierend entwickelt sie dann Ideen: Rezepturen, Verpackungsdesigns, Marketingansätze, Namensvorschläge und passende Influencer. Diese Konzepte werden anschließend mit synthetischen Zielgruppen getestet, die auf Basis definierter Parameter generiert wurden. Das Feedback zeigt, welche Idee besonders vielversprechend ist.
foodRegio: Was ist Ihr Ziel mit diesem Ansatz?
Jochen Matzer: Wir haben zwei zentrale Ziele. Zum einen wollen wir den Innovationsprozess drastisch beschleunigen. Wir benötigen vom ersten Briefing bis zum Ergebnis nur wenige Minuten, bei schwierigen Konstellationen manchmal Stunden. Ansonsten dauert dieser Prozess ja Monate oder Jahre und kostet entsprechend viel. Außerdem erhoffen wir uns, dass wir die Floprate in der Ernährungsbranche deutlich reduzieren können, da Produkte schon im frühen Stadium evaluiert und supergünstig getestet werden können. Zudem ist die Chance größer, ein erfolgreiches Produkt in den Markt zu bringen, wenn ich permanent entwickeln und testen kann, als wenn ich in einem klassischen Prozess am Ende einer langen Entwicklungsphase eine Idee habe, die dann überprüft wird und am Ende floppt.
foodRegio: Welche gesellschaftlichen Veränderungen erwarten Sie durch KI-gestützte Produktentwicklung?
Jochen Matzer: Es gibt die These, dass KI in einigen Branchen zu Entlassungswellen führen könnte. Angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland wäre es durchaus sinnvoll, wenn KI bestimmte Aufgaben übernimmt. Aber es gibt auch Risiken: Einstiegsjobs, etwa in der Unternehmensberatung, die stark analytisch geprägt sind, werden zunehmend von KI übernommen. Doch gerade diese Analysefähigkeiten sind essenziell, um später als Top-Consultant arbeiten zu können. Wenn also wichtige Erfahrungsstufen wegfallen, fehlen am Ende wichtige Kompetenzen.
foodRegio: Was motiviert Sie persönlich?
Jochen Matzer: Ich war schon immer fasziniert davon, Neues zu schaffen. KI hat mich sofort begeistert. Auf der Business-Ebene dachte ich: Wenn sich KI so schnell entwickelt, wie Experten prognostizieren, wird irgendwann jemand eine KI für Produktentwicklung bauen. Dann wollte ich lieber selbst derjenige sein, der das zuerst tut – statt darauf zu warten, dass es jemand anderes macht und uns überholt. Meine Motivation ist also auch, die eigene Zukunft aktiv zu gestalten und abzusichern.
