KI als Schlüssel zur Effizienz in der Ernährungswirtschaft
Automatisierung, Effizienz, neue Formen der Produktentwicklung – Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein technisches Schlagwort. Sie verändert ganze Branchen, auch die Ernährungswirtschaft. Prozesse wie Qualitätssicherung, Produktentwicklung oder Vertrieb lassen sich durch KI nicht nur beschleunigen, sondern auch intelligenter gestalten. Doch was bedeutet das konkret? Und wie lassen sich technologische Möglichkeiten mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden?
Dr. Mattis Hartwig ist Mitgründer und Geschäftsführer von singularIT sowie Senior Researcher am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Als Referent auf der Fachveranstaltung Newtrition X. – Future Food powered by AI am 11. November 2025 gibt er Einblicke in die praktischen Anwendungen von KI in der Lebensmittelbranche. Im Vorfeld sprach foodRegio mit ihm über seine persönliche Motivation, die Technologie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch philosophisch zu betrachten.
foodRegio: Wie verlief Ihre berufliche Entwicklung hin zu singularIT?
Dr. Hartwig: Das war tatsächlich eher Zufall. Ein Studienfreund hatte während des Studiums selbstständig ein paar Programmierarbeiten erledigt. Er war extrem gut in dem was er gemacht hat und ich meinte zu ihm, er müsse das größer aufziehen. Seine Antwort: „Dann musst du mitmachen.“ So haben wir singularIT gemeinsam gegründet. Ich war allerdings nicht durchgehend dabei – zwei Jahre lang habe ich in einer großen strategischen Unternehmensberatung gearbeitet und danach nochmal zweieinhalb Jahre in Lübeck promoviert. 2021 bin ich wieder eingestiegen. Seitdem sind wir beide Geschäftsführer.
foodRegio: Welche Idee steckt hinter singularIT?
Dr. Hartwig: Es geht weniger um eine einzelne Idee, sondern um die Erkenntnis, dass es viele Probleme gibt, die effizient gelöst werden müssen. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind dabei ein enormer Hebel. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Unternehmen Prozesse zu automatisieren und digital möglichst effizient abzubilden. Dafür steht singularIT.
foodRegio: Wie setzen Sie KI konkret ein?
Dr. Hartwig: Ob ein System intelligent ist, hängt immer davon ab, ob es schwere Probleme gut oder eben besser als vorher gelöst bekommt. Wenn wir von KI sprechen, schwingt also immer mit, ein bestimmtes Problem intelligent zu lösen – unabhängig von der konkreten Technologie. Wir nutzen zum Beispiel KI-gestützte Bildverarbeitung oder Natural Language Processing und große Sprachmodelle in unseren Projekten. Rund 40 Prozent unserer Lösungen basieren auf Technologien, die unter den Begriff KI fallen würden. Dabei bieten wir maßgeschneiderte Softwarelösungen für unterschiedlichste Anforderungen.
foodRegio: Gibt es Beispiele aus der Ernährungsbranche?
Dr. Hartwig: Ja, etwa beim Qualitäts-Reporting: Zulieferer erhalten von ihren Kunden umfangreiche Fragebögen – etwa zu Produktionsbedingungen oder Inhaltsstoffen. Das ist sehr aufwendig. Wir haben ein System entwickelt, das mithilfe von Natural Language Processing diese Fragebögen automatisch beantwortet. Es zerlegt die Fragen, greift auf eine Wissensdatenbank zu und findet die passenden Dokumente; etwa den Nachweis, dass kein Soja enthalten ist. Ein weiteres aktuelles Projekt ist eine automatisch durch autonome Agenten recherchierte Vertriebsdatenbank, mit der Hersteller von Zutaten schnell potenzielle Kunden identifizieren können – individuell anpassbar für jede Branche.
foodRegio: Welche Veränderungen erwarten Sie durch KI in der Lebensmittelindustrie?
Dr. Hartwig: KI automatisiert Fähigkeiten an vielen Stellen. Kurzfristig wird sich der Qualitätssicherungsprozess weiter wandeln: Sensoren erfassen etwa, wie ein frisches Brötchen klingt, wenn man es schneidet. Technologie oder auch KI, wenn Sie so wollen, erkennt Muster und bewertet die Qualität. Diese Sensoriken und Lernverfahren sind gut verstanden und erprobet. Mittelfristig wird sich auch die Produktentwicklung verändern: Daten aus Produkttests und bestehenden Rezepturen können genutzt werden, um neue Produkte schneller zu entwickeln. Ein generatives System, Schlagwort GenAI, kann zum Beispiel Rezeptvorschläge für einen Erdbeerjoghurt mit mehr Geschmack und weniger Zucker liefern.
foodRegio: Welche Herausforderungen sehen Sie?
Dr. Hartwig: Wir entkoppeln immer mehr Output von biologischer Energie – wurde früher Muskelkraft durch Dampfmaschinen ersetzt, sind es heute kognitive Fähigkeiten durch Sprachmodelle und Agenten. Das hat natürlich wie immer auch Folgen: Es wird zu Verschiebungen kommen, besonders im mittleren Management und in der Verwaltung. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das kurzfristig eine Chance, langfristig aber eine Herausforderung. Auch die Frage, ob wir Fähigkeiten verlernen, weil wir sie an Maschinen abgeben, ist kritisch. Viele finden sich ohne Navigation nicht mehr zurecht. Andererseits haben Menschen schon immer verlernt, was sie nicht mehr brauchten – und dafür Neues gelernt. Wer kann heute noch Feuer machen oder ein Pferd satteln?
foodRegio: Was motiviert Sie persönlich?
Dr. Hartwig: Ich betrachte das Thema KI aus zwei Perspektiven: Als Forscher am Deutschen Forschungszentrum für KI interessieren mich die philosophischen Fragen: Was ist Intelligenz? Was macht uns als Menschen aus? Wie arbeiten wir in Zukunft mit intelligenten Systemen zusammen? Gleichzeitig begeistert mich der praktische Mehrwert: KI macht Arbeit in vielen Bereichen effizienter – diese Dualität ist enorm spannend.
